Hirntumore: Gliome und funktionserhaltende Neuroonkologie am INI
Moderne Hirntumorbehandlung bedeutet für uns wesentlich mehr als eine technisch erfolgreiche Operation.
Hirntumoren stellen besondere Anforderungen an Diagnostik und Behandlung. Anders als in vielen anderen Organen entscheidet nicht allein die biologische Beschaffenheit eines Tumors über die therapeutische Strategie. Ebenso entscheidend sind seine Lage, seine Beziehung zu funktionell wichtigen Hirnregionen und Faserbahnen sowie die individuelle Organisation des Gehirns des einzelnen Patienten.
Dies gilt in besonderem Maße für Gliome.
Gliome entstehen aus Zellen des zentralen Nervensystems und umfassen biologisch sehr unterschiedliche Tumoren. Einige wachsen über viele Jahre langsam, andere zeigen ein deutlich aggressiveres Verhalten. Gleichzeitig wachsen viele Gliome nicht ausschließlich verdrängend, sondern infiltrieren das umgebende Gehirngewebe.
Die zentrale Herausforderung besteht deshalb darin, eine möglichst effektive Tumorbehandlung mit dem bestmöglichen Erhalt neurologischer und kognitiver Funktionen zu verbinden.
Am International Neuroscience Institute (INI) basiert die Behandlung von Gliomen daher auf einem umfassenden Konzept, das Tumorbiologie und molekulare Diagnostik, High-End-Bildgebung, funktionelles Brain Mapping, Neuropsychologie, mikrochirurgische Erfahrung, intraoperative Bildgebung, Neurophysiologie, Neuroonkologie und Neurorehabilitation miteinander verbindet.
Gliome – unterschiedliche Tumoren mit unterschiedlicher Biologie
Der Begriff Gliom umfasst eine Gruppe biologisch sehr unterschiedlicher Tumoren.
Die moderne Klassifikation berücksichtigt neben dem mikroskopischen Erscheinungsbild zunehmend die molekularen Eigenschaften des Tumors. Diese ermöglichen eine wesentlich präzisere Einordnung und können entscheidenden Einfluss auf Prognose und weitere Behandlung haben.
Zu den wichtigen Gliomgruppen gehören unter anderem Astrozytome mit IDH-Mutation, Oligodendrogliome mit IDH-Mutation und 1p/19q-Kodeletion sowie Glioblastome, die überwiegend dem IDH-Wildtyp entsprechen.
Daneben behandeln wir auch zahlreiche seltenere gliale, glioneuronale und neuronale Tumoren, darunter beispielsweise Ependymome, pilozytische Astrozytome, Gangliogliome, pleomorphe Xanthoastrozytome, neurozytäre Tumoren, diffuse Mittelliniengliome und weitere seltene Tumorentitäten.
Für die operative Strategie ist jedoch niemals allein der Name eines Tumors entscheidend. Seine Lage, Wachstumseigenschaften, funktionelle Umgebung, molekulare Biologie und die individuelle Situation des Patienten müssen gemeinsam betrachtet werden.
Präzisionsdiagnostik vor der Operation
Eine erfolgreiche Hirntumoroperation beginnt lange vor dem eigentlichen Eingriff.
Gemeinsam mit der hochspezialisierten Neuroradiologie unter Leitung von Professor Heiner Lanfermann und seinem Team stehen modernste neuroradiologische Verfahren und zwei leistungsfähige 3-Tesla-MRT-Systeme zur Verfügung.
Neben der hochauflösenden strukturellen MRT können – abhängig von der jeweiligen Fragestellung – zusätzliche Verfahren eingesetzt werden. Hierzu gehören unter anderem Perfusions- und Diffusionsbildgebung, MR-Spektroskopie, quantitative 3D-Bildgebung sowie funktionelle MRT-Verfahren. Moderne High-End-Postprocessing-Methoden und zunehmend auch KI-basierte Analyseverfahren ermöglichen eine weitergehende Charakterisierung komplexer Bilddaten.
Im Rahmen wissenschaftlicher Kooperationen werden diese Verfahren kontinuierlich weiterentwickelt und durch innovative Methoden der quantitativen und funktionellen Bildgebung ergänzt.
Das Ziel besteht darin, bereits vor der Operation möglichst viele Informationen über den Tumor zu gewinnen: Wo liegen die tatsächlichen Tumorgrenzen? Welche Regionen erscheinen biologisch besonders aktiv? Wie homogen oder heterogen ist der Tumor? Welche Hinweise ergeben sich auf die mögliche Tumorart und Tumorbiologie? Wie verhält sich der Tumor zum umgebenden Gehirn? Und welche funktionell wichtigen Strukturen befinden sich innerhalb oder unmittelbar neben dem geplanten Operationsgebiet?
Diese Informationen können die Entscheidung beeinflussen, ob, wann und vor allem wie operiert werden sollte. Gleichzeitig können sie helfen, bei biologisch heterogenen Tumoren besonders relevante Areale für eine gezielte Biopsie, ein gezieltes Multisampling oder eine Resektion zu identifizieren.
Mehr als 25 Jahre funktionelle Bildgebung und Brain Mapping am INI
Ein besonderer Schwerpunkt des INI liegt seit seiner Eröffnung in der funktionellen Darstellung des menschlichen Gehirns.
Bereits im Jahr 2000 verfügte das INI über eines der ersten klinisch eingesetzten 3-Tesla-MRT-Systeme Europas.
Unter der wissenschaftlichen Leitung von Professor Hans-Jochen Freund, einem der Pioniere der funktionellen Bildgebung und der Erforschung funktioneller Netzwerke des menschlichen Gehirns, wurde die funktionelle MRT am INI frühzeitig systematisch in die neurowissenschaftliche und klinische Arbeit integriert.
Heute umfasst das funktionelle Brain Mapping neben klassischer aufgabenbasierter funktioneller MRT auch moderne Verfahren zur Darstellung funktioneller Netzwerke, einschließlich Resting-State-fMRI.
Unter anderem unter der Leitung von Professor Bahram Mohammadi wurden diese Methoden weiterentwickelt und in moderne Konzepte der funktionellen Hirnkartierung integriert.
Ein weiterer wesentlicher Bestandteil ist die Diffusionsbildgebung und Traktographie. Mit modernen High-End-Processing-Verfahren können wichtige Faserbahnsysteme rekonstruiert und ihre Beziehung zum Tumor dargestellt werden.
Auf diese Weise entsteht bereits vor der Operation eine individuelle funktionelle Kartographie des Gehirns.
Wir möchten nicht nur wissen, wo der Tumor liegt. Wir möchten wissen, wie das Gehirn dieses Patienten um den Tumor herum organisiert ist.
Kognitive Neurologie und Neuropsychologie – Funktion bedeutet mehr als Bewegung und Sprache
Der Erhalt neurologischer Funktion bei einer Hirntumoroperation bedeutet für uns mehr als den Schutz von Motorik, Sensibilität oder Sprache.
Tumoren und ihre Behandlung können auch komplexe kognitive Funktionen beeinflussen – beispielsweise Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Konzentration, Verarbeitungsgeschwindigkeit, räumliche Wahrnehmung, Exekutivfunktionen und andere höhere kortikale Leistungen.
Deshalb beziehen wir bei ausgewählten Patienten bereits vor einer Operation eine differenzierte neuropsychologische und kognitiv-neurologische Untersuchung in die Behandlungsplanung ein.
Hierfür besteht eine enge Kooperation mit einem spezialisierten Team im Bereich Kognitive Neurologie und Neuropsychologie des Universitätsklinikums Magdeburgs am INI.
Die neuropsychologische Untersuchung ermöglicht es, das individuelle kognitive Ausgangsniveau vor einer Operation systematisch zu erfassen und mögliche, durch den Tumor bereits verursachte Veränderungen zu erkennen.
Von besonderer Bedeutung ist die Verbindung dieser Befunde mit dem präoperativen funktionellen Brain Mapping.
Funktionelle MRT, Resting-State-fMRI, Traktographie und moderne Netzwerk- und Postprocessing-Verfahren zeigen die individuelle funktionelle Organisation des Gehirns. Die neuropsychologische Untersuchung ergänzt diese Karten um die tatsächliche kognitive Leistungsfähigkeit des Patienten.
Wir möchten nicht nur wissen, wo ein Tumor liegt, sondern verstehen, wie das individuelle Gehirn dieses Patienten funktioniert und welche Netzwerke für seine persönlichen Fähigkeiten besonders relevant sind.
Diese Informationen können in die Planung des Operationszugangs, die Resektionsstrategie und – bei geeigneten Patienten – auch in die Auswahl der während einer Wachoperation zu untersuchenden Funktionen einfließen.
Chirurgische Erfahrung – gerade dort, wo Tumoren besonders schwierig liegen
Moderne Technologie ist ein wesentlicher Bestandteil der Hirntumorchirurgie. Sie kann jedoch die persönliche operative Erfahrung des Neurochirurgen nicht ersetzen.
Die Neurochirurgen am INI verfügen über eine außergewöhnlich große operative Erfahrung in der Behandlung komplexer Hirntumoren, einschließlich Tumoren in tief gelegenen, funktionell hochsensiblen oder anatomisch besonders anspruchsvollen Regionen des Gehirns.
Dies betrifft beispielsweise Tumoren in unmittelbarer Nähe funktionell wichtiger kortikaler Areale und Faserbahnen ebenso wie Tumoren der Insula, der Basalganglien, des Thalamus, der tiefen Mittellinie, des Ventrikelsystems und anderer schwer zugänglicher Regionen.
Aufgrund dieser besonderen Erfahrung werden dem INI Patienten aus Deutschland, Europa und zahlreichen weiteren Ländern zur Beurteilung und Behandlung komplexer Hirntumoren vorgestellt. Hierzu gehören auch Patienten, die von anderen neurochirurgischen Kliniken oder neurochirurgischen Kollegen gezielt zur Zweitmeinung oder operativen Behandlung überwiesen werden, weil Lage, Ausdehnung, funktionelle Beziehung oder vorausgegangene Behandlungen eine besondere operative Herausforderung darstellen.
Darunter befinden sich auch Patienten mit Tumoren, die aufgrund ihrer Lage oder Komplexität zunächst als nur eingeschränkt oder nicht operabel eingeschätzt wurden, sowie Patienten nach vorausgegangenen Operationen, bei Tumorrezidiven oder mit verbliebenen Tumoranteilen.
Eine solche Vorbeurteilung bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine Operation möglich oder sinnvoll ist. Jeder Fall wird am INI erneut individuell anhand der aktuellen Bildgebung, der Tumorbiologie, der funktionellen Anatomie und der persönlichen Situation des Patienten interdisziplinär beurteilt.
Gerade bei solchen Tumoren entscheidet nicht allein die Fähigkeit, einen Tumor zu entfernen. Von ebenso großer Bedeutung ist die Wahl des schonendsten und funktionell günstigsten mikrochirurgischen Zugangsweges.
Die chirurgische Tradition des INI und der mit ihm verbundenen neurochirurgischen Schule ist wesentlich durch die Entwicklung und kontinuierliche Verfeinerung solcher mikrochirurgischen Zugangsstrategien geprägt. Mehrere der heute angewandten Techniken und Zugangswege wurden von Neurochirurgen des INI beziehungsweise seiner neurochirurgischen Schule selbst entwickelt, modifiziert oder über große persönliche operative Serien weiter verfeinert.
Das Ziel besteht darin, bereits den Weg zum Tumor so zu planen, dass gesundes und insbesondere funktionell relevantes Hirngewebe möglichst wenig beeinträchtigt wird.
Der kürzeste anatomische Weg ist dabei nicht automatisch der sicherste Weg.
Entscheidend ist vielmehr, welcher Zugang unter Berücksichtigung der individuellen Anatomie, der funktionellen Netzwerke und Faserbahnen sowie der Tumorlage den geringsten funktionellen Preis für eine möglichst effektive Tumorentfernung erwarten lässt.
Gerade bei schwierigen Hirntumoren liegt deshalb eine besondere Stärke des INI in der Verbindung von außergewöhnlicher persönlicher operativer Erfahrung, differenzierten mikrochirurgischen Zugangsstrategien und modernster bildgebender und funktioneller Technologie.
Die Brain Suite – intraoperative Hochfeld-MRT seit 2007
Seit 2007 verfügt das INI über einen speziell für die bildgestützte Neurochirurgie entwickelten Hybridoperationssaal – die Brain Suite.
Konzipiert und am INI etabliert wurde dieser Operationssaal durch Professor Rudolf Fahlbusch, einer der internationalen Pioniere der intraoperativen MRT in der Neurochirurgie. Er begannen bereits Mitte der 1990er-Jahre mit der klinischen Entwicklung und Anwendung dieser Technologie.
Als Professor Fahlbusch 2006 an das INI kam, brachte er bereits mehr als zehn Jahre persönliche Erfahrung mit der intraoperativen MRT mit. Auf dieser Grundlage entwickelte und realisierte er am INI die Brain Suite, die 2007 eröffnet wurde und die intraoperative Hochfeld-MRT unmittelbar in den neurochirurgischen Operationsablauf integrierte.
Der entscheidende Vorteil besteht darin, dass während einer Operation innerhalb kurzer Zeit eine erneute MRT-Untersuchung durchgeführt werden kann.
Der Operateur kann dadurch überprüfen, wie weit der Tumor tatsächlich entfernt wurde und ob sich noch relevante Tumoranteile befinden, die sicher weiter reseziert werden können.
Dies ist insbesondere bei infiltrierenden und niedriggradigen Gliomen wichtig, deren Grenzen unter dem Operationsmikroskop häufig nicht eindeutig erkennbar sind.
Gleichzeitig verändert sich die Anatomie während einer Operation. Durch Tumorresektion, Liquorverlust und Gewebeverlagerung entsteht der sogenannte Brain Shift. Präoperative Navigationsdaten entsprechen dann zunehmend weniger der tatsächlichen intraoperativen Anatomie.
Die intraoperative MRT ermöglicht eine Aktualisierung dieser anatomischen Informationen und damit auch der Navigation.
Navigation, Mikroskopie, intraoperativer Ultraschall und Fluoreszenz
In der Brain Suite und den neurochirurgischen Operationssälen stehen moderne Neuronavigationssysteme, navigationsgekoppelte Operationsmikroskope, intraoperativer navigierter Ultraschall sowie Verfahren der Fluoreszenzchirurgie, insbesondere mit 5-Aminolävulinsäure (5-ALA), zur Verfügung. Ergänzt wird dieses technologische Spektrum durch stereotaktische und robotisch assistierte Verfahren sowie die MRT-gesteuerte Laser Interstitial Thermal Therapy (LITT) für ausgewählte Indikationen.
Diese Technologien ermöglichen unterschiedliche und sich ergänzende Perspektiven auf denselben Tumor.
Die Navigation unterstützt die räumliche Orientierung innerhalb der individuellen Anatomie. Das Operationsmikroskop ermöglicht die hochauflösende mikrochirurgische Präparation. Fluoreszenz kann bei geeigneten Tumoren helfen, biologisch relevantes Tumorgewebe sichtbar zu machen.
Auch der intraoperative Ultraschall kann während der Operation zusätzliche Echtzeitinformationen über Tumorgrenzen, Resektionshöhle und möglicherweise verbliebene Tumoranteile liefern. In Verbindung mit der Neuronavigation können die Ultraschallinformationen unmittelbar in die räumliche Orientierung des Operateurs einbezogen werden.
Dabei verstehen wir auch den intraoperativen Ultraschall nicht als Alternative zur intraoperativen MRT. Beide Verfahren besitzen unterschiedliche Stärken und können sich – abhängig von Tumorart, Tumorlage und operativer Situation – sinnvoll ergänzen.
Die intraoperative MRT ermöglicht schließlich eine hochauflösende Aktualisierung der anatomischen Situation, die Beurteilung des Resektionsausmaßes und eine Aktualisierung der Navigation nach eingetretenem Brain Shift.
Bildgebung, Neurophysiologie und Awake Surgery – komplementär statt konkurrierend
Keine einzelne Technologie kann alle entscheidenden Fragen während einer Gliomoperation beantworten.
Intraoperative MRT, intraoperativer Ultraschall, Neuronavigation, Fluoreszenz, neurophysiologisches Monitoring, direkte elektrische Stimulation und Wachchirurgie (Awake Surgery) stehen deshalb nicht in Konkurrenz zueinander. Sie liefern unterschiedliche, sich gegenseitig ergänzende Informationen.
Die Bildgebung zeigt, wo sich noch Tumor befinden kann. Die Navigation zeigt, wo sich der Operateur innerhalb der individuellen Anatomie befindet. Fluoreszenz kann helfen, biologisch relevantes Tumorgewebe sichtbar zu machen. Das neurophysiologische Monitoring überwacht kontinuierlich die Integrität wichtiger funktioneller Systeme. Die direkte elektrische Stimulation identifiziert funktionell unverzichtbare kortikale Areale und subkortikale Faserbahnen. Und bei ausgewählten Tumoren ermöglicht die Wachchirurgie, komplexe Funktionen – insbesondere Sprache, abhängig von der individuellen Situation aber auch weitere höhere kortikale Leistungen – unmittelbar während der Resektion zu testen.
Gerade die Kombination dieser Verfahren ermöglicht es, die Grenzen einer Operation nicht allein anatomisch, sondern anatomisch, bildgebend und funktionell zu definieren.
Die entscheidende Grenze ist die Funktion.
Das Ziel ist deshalb eine individuell angepasste maximum safe resection: die größtmögliche onkologisch sinnvolle Tumorentfernung unter konsequenter Wahrung der neurologischen und kognitiven Funktion.
Welche dieser Methoden eingesetzt und miteinander kombiniert werden, wird für jeden Patienten individuell entschieden.
Nicht die maximale Zahl eingesetzter Technologien bestimmt die Qualität einer Operation, sondern ihre gezielte Kombination in der Hand eines erfahrenen neurochirurgischen Teams.
Wenn eine Biopsie erforderlich ist
Nicht bei jedem Hirntumor ist eine primäre Resektion die richtige Strategie.
In ausgewählten Situationen kann zunächst eine gezielte Biopsie erforderlich sein, um eine sichere histologische und molekulare Diagnose zu erhalten.
Hierfür stehen am INI unterschiedliche Verfahren zur Verfügung: von der klassischen stereotaktischen Biopsie über robotisch unterstützte Verfahren mit dem Cirq®-System bis zur Kombination intraoperativer MRT mit VarioGuide®.
Die präoperative High-End-Bildgebung kann dabei helfen, innerhalb biologisch heterogener Tumoren besonders aussagekräftige Zielregionen für die Gewebeentnahme zu identifizieren.
Auch hier gilt: Nicht eine bestimmte Technologie steht im Vordergrund, sondern die Frage, welches Verfahren für den individuellen Patienten die sicherste und diagnostisch effektivste Lösung darstellt.
Minimalinvasive Verfahren – Laser Interstitial Thermal Therapy (LITT)
Nicht bei jedem Hirntumor ist eine konventionelle mikrochirurgische Resektion möglich oder sinnvoll. Dies kann insbesondere bei tief gelegenen oder schwer zugänglichen Tumoren, bei bestimmten Rezidivsituationen oder nach vorausgegangenen Operationen und anderen Behandlungen der Fall sein.
Für sorgfältig ausgewählte Patienten kann die Laser Interstitial Thermal Therapy (LITT) eine zusätzliche minimalinvasive Behandlungsoption darstellen. Dabei wird eine dünne Lasersonde stereotaktisch beziehungsweise navigiert in das Zielgewebe eingebracht. Unter MRT-basierter Echtzeit-Temperaturkontrolle kann das Zielgewebe anschließend gezielt thermisch behandelt werden.
LITT verstehen wir nicht als Ersatz für die mikrochirurgische Tumorresektion. Wenn eine sichere mikrochirurgische Entfernung möglich und onkologisch sinnvoll ist, bleibt diese grundsätzlich ein wesentliches Behandlungsverfahren. LITT kann jedoch eine wichtige zusätzliche Option darstellen, wenn ein konventionelles mikrochirurgisches Vorgehen aufgrund der Tumorlage, vorausgegangener Behandlungen oder des individuellen Risikoprofils nicht oder nicht mehr sinnvoll möglich ist.
Ob LITT im individuellen Fall geeignet ist, hängt unter anderem von Tumorart, Größe und Geometrie, Lage und Erreichbarkeit, der Beziehung zu funktionell relevanten Strukturen sowie von vorausgegangenen Behandlungen ab. Die Indikation wird deshalb – wie bei allen Verfahren der Hirntumorbehandlung am INI – individuell und interdisziplinär gestellt.
Neuropathologie, Molekularbiologie und Tumorheterogenität
Die definitive Diagnose eines Hirntumors entsteht heute aus der Verbindung von Histologie und molekularer Tumorcharakterisierung.
Hier besteht eine enge Zusammenarbeit mit der Neuropathologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).
Moderne molekularpathologische Verfahren ermöglichen eine immer präzisere biologische Klassifikation von Hirntumoren. Abhängig von der jeweiligen Tumorentität können dabei genetische und molekulare Veränderungen, Expressionsprofile und weitere Biomarker für Diagnose, Prognose und Therapieentscheidung von Bedeutung sein.
Von besonderem wissenschaftlichem Interesse ist dabei die intratumorale Heterogenität. Unterschiedliche Regionen desselben Glioms können sich molekular voneinander unterscheiden.
Bei ausgewählten Tumoren kann deshalb ein bildgestütztes und neuronavigiertes Multisampling aus unterschiedlichen Tumorregionen sinnvoll sein. Die Verbindung präziser räumlicher Zuordnung mit moderner DNA- und RNA-basierter Analytik bis hin zu Transkriptom- und Genfusionsanalysen ermöglicht es, die biologische Komplexität eines Tumors differenzierter zu erfassen.
Damit verbindet sich die Präzision der neurochirurgischen Gewebeentnahme unmittelbar mit moderner molekularer Neuropathologie und translationaler Neuroonkologie.
Das interdisziplinäre Tumorboard
Die Behandlung eines Glioms endet nicht mit der Operation.
Nach Vorliegen der neuropathologischen und molekularen Befunde wird die weitere Strategie interdisziplinär festgelegt.
Im neuroonkologischen Tumorboard werden sämtliche relevanten Befunde gemeinsam durch Spezialisten aus Neurochirurgie, Neuroradiologie, Neuropathologie, Neurologie, Onkologie und Strahlentherapie beurteilt.
Dabei werden Operationsbefund, postoperative Bildgebung, Histologie und molekulares Tumorprofil ebenso berücksichtigt wie der neurologische und kognitive Zustand, mögliche Begleiterkrankungen und die individuelle Lebenssituation des Patienten.
Das Tumorboard ist deshalb keine formale Besprechung nach Abschluss der chirurgischen Behandlung. Es ist ein integraler Bestandteil eines kontinuierlichen Behandlungskonzeptes.
Neuroonkologische Weiterbehandlung – ambulant und stationär am INI
Auch die weitere medikamentöse neuroonkologische Behandlung kann am INI durchgeführt werden.
Abhängig von Tumorentität, molekularem Profil und individueller Situation umfasst dies die jeweils indizierten systemischen und medikamentösen Therapiekonzepte sowie deren klinische und bildgebende Verlaufskontrolle.
Diese Behandlungen können am INI sowohl ambulant als auch stationär erfolgen. Damit besteht für unsere Patienten die Möglichkeit, wesentliche Teile ihrer neuroonkologischen Behandlung kontinuierlich innerhalb desselben spezialisierten Behandlungsteams durchführen zu lassen.
Wenn eine Strahlentherapie erforderlich ist, erfolgt diese in enger Abstimmung mit unseren spezialisierten lokalen strahlentherapeutischen Partnern. Planung, zeitliche Koordination und Verlaufskontrolle werden in das gemeinsame neuroonkologische Behandlungskonzept integriert.
Bei einem möglichen Rezidiv, einer Tumorprogression oder einem radiologisch unklaren Befund wird die Situation erneut interdisziplinär bewertet. Dabei können sämtliche Möglichkeiten von erneuter Operation oder Biopsie über Strahlentherapie und medikamentöse Behandlung bis hin zu weiteren individualisierten Therapiekonzepten berücksichtigt werden.
Von der Funktionserhaltung zur funktionellen Erholung
Unser Behandlungskonzept endet auch funktionell nicht mit der Operation.
Nach dem Eingriff können neuropsychologische Verlaufskontrollen helfen, Veränderungen objektiv zu erfassen und die weitere Behandlung gezielt zu planen.
Das menschliche Gehirn besitzt eine erhebliche Fähigkeit zur Neuroplastizität und funktionellen Reorganisation. Gerade bei langsam wachsenden Tumoren können sich funktionelle Netzwerke bereits vor einer Operation verlagern oder neu organisieren. Auch nach einer Operation können solche Anpassungsprozesse für die funktionelle Erholung genutzt und therapeutisch unterstützt werden.
In Zusammenarbeit mit unseren Partnern aus Kognitiver Neurologie, Neuropsychologie und Neurorehabilitation können individuelle therapeutische Konzepte entwickelt werden, die auf die Wiederherstellung oder Kompensation beeinträchtigter Funktionen und die gezielte Unterstützung neuroplastischer Reorganisationsprozesse ausgerichtet sind.
präzise Diagnostik → funktionelles und neuropsychologisches Brain Mapping → individualisierte Operation oder Biopsie → molekulare Neuropathologie → interdisziplinäres Tumorboard → ambulante oder stationäre neuroonkologische Therapie → Strahlentherapie in enger Kooperation → funktionelle Rehabilitation und langfristige klinische, neuropsychologische und bildgebende Nachsorge.
Das INI-Konzept der Hirntumorbehandlung
Moderne Hirntumorbehandlung bedeutet für uns wesentlich mehr als eine technisch erfolgreiche Operation.
Sie verbindet Tumorbiologie und molekulare Diagnostik, High-End-Neuroradiologie und moderne Bildanalyse, funktionelles Brain Mapping und Neuropsychologie, mikrochirurgische Erfahrung und differenzierte Zugangsstrategien, intraoperative Hochfeld-MRT und navigierten Ultraschall, Neurophysiologie und Awake Surgery, moderne Neuroonkologie sowie die gezielte Unterstützung funktioneller Erholung und Neuroplastizität.
Nicht jede dieser Methoden ist bei jedem Patienten erforderlich.
Die eigentliche Qualität besteht darin, für jeden einzelnen Patienten zu entscheiden, welche diagnostischen, chirurgischen, funktionellen und onkologischen Verfahren in welcher Kombination den größten Nutzen bieten.
Technologie unterstützt dabei chirurgische Erfahrung – sie ersetzt sie nicht.
Unser Ziel ist deshalb nicht allein die maximale sichere Entfernung eines Tumors.
Unser Ziel ist eine langfristige, individualisierte neuroonkologische Behandlung, die Tumorkontrolle und Überleben ebenso berücksichtigt wie neurologische und kognitive Funktion, Selbstständigkeit und Lebensqualität.
From precise diagnosis to maximum safe resection – and from preservation of function to comprehensive neuro-oncological care.
Ausgewählte wissenschaftliche Publikationen
Relevante Arbeiten aus der INI-Zeit zu Gliomen und Hirntumoren, intraoperativer MRT, Neuronavigation, intraoperativem Ultraschall, DTI/Traktographie, funktioneller Bildgebung und Brain Mapping sowie molekularer Neuropathologie, Genetik und Transkriptomik. Reihenfolge: neueste zuerst.
01
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